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Wenn’s mal wieder knirscht

kicker

Wenn Sportler, ob Profis oder Amateure, ZAHNPROBLEME nicht beseitigen lassen, kann sich das auf die gesamte Statik des Körpers auswirken.

Dr. Meisel war in der 72. Ausgabe des kicker mit dabei! Thema waren Zähne von Sportlern, was es hier zu beachten gibt und viel viel mehr!

 

Die Lippen sind geschlossen. Auf dem aktuellen Mannschaftsfoto von RB Leipzig verzichtet Diego Demme (27) auf ein Zahnpasta-Lächeln. Dabei ist alles wieder schön. Im April 2017 verlor der Mittelfeldspieler seinen rechten Schneidezahn im Spiel gegen den SC Freiburg –  und das ausgerechnet in dem Moment, als er sein erstes Tor im Profifußball erzielte.

 

Eishockey

Im Eishockey oder Handball sind solche Zahnlücken kaum eine Nachricht wert, zu häufig büßen die Sportler durch mechanische Einwirkungen ihre Beißerchen ein. Oft genug läuft es dann nach dem Schema: Halb so schlimm, weiter geht‘s.  Dabei ist das Thema Zahn- und Mundgesundheit ein extrem komplexes. Dysbalancen wirken sich auf den ganzen Körper aus – mit schwerwiegenden Folgen auf die Leistungsfähigkeit.  Siehe Arjen Robben. Eine Oberschenkel-Reizung verhindert in den ersten Monaten 2019 den Einsatz des Niederländers beim FC Bayern. Erst dann wurde die Ursache gefunden – zwei eitrige Zähne sollen schuld gewesen sein. Auch beim langjährigen FCB-Kollegen und inzwischen beim AC Florenz tätigen Franck Ribery wirkten sich immer mal wieder Zahnprobleme auf die körperliche Fitness aus.

 

Manche Profis weigern sich gar, neue Zähne gerade im hinteren Bissbereich wieder einsetzen zu lassen. „Da kann es bei völlig durchtrainierten Athleten im Extremfall zu einem Bandscheibenvorfall kommen“, erklärt Dr. Ulf Meisel. Der Zahnmediziner betreut zusammen mit seinem Zwillingsbruder in der Nürnberger Praxis regelmäßig Profisportler aus dem Fußball und Tennis; beide sind zudem die neuen offiziellen Zahnärzte des DEL-Klubs Thomas Sabo Ice Tigers.

 

ICE TIGERS

Auf der Suche nach der Ursache für eben diesen Bandscheibenvorfall wird man häufig in der tiefen Rückenmuskulatur fündig: extreme Unterschiede zwischen linker und rechter Seite. Dort, wo etwa ein Backenzahn fehlt, geht die Kauzone verloren, das strahlt auf den Nacken und die Muskelpartien aus. Das Resultat: Beckenschiefstand und eingeschränkte Bewegungsabläufe.

 

Zurück zu RB-Fußballer Demme. Ihm wurde einen Tag nach dem Zahnverlust ein Provisorium eingesetzt. Erst nach der Saison folgte die Zahn-OP samt neuer Keramik. Das ist der übliche Weg im Profibereich. „Die große Besonderheit bei Leistungssportlern ist die zeitliche Einschränkung aufgrund der laufenden Saison und der Einsätze“, er-  klärt Sportzahnarzt Dr. Marc Hinze.  Entsprechend muss erst mal eine robuste Übergangslösung bis Saisonende her.

 

Zahnschiene

Eine weitere Mundbaustelle: Wenn der Patient nachts mit den Zähnen knirscht – was statistisch jeder Vierte macht – „kaut“ man bis zu 50 Kilo in einer Nacht. „Wenn das auf alle Zähne von der Bisslage her ausgeglichen verteilt ist, okay. Sollte aber eine Schieflage vorliegen, ist das ein Problem“, so Experte Meisel. Das gehe nicht nur auf die betroffenen Zähne und aufs Kiefergelenk, sondern auch auf die Kau-, Nacken- und Rückenmuskulatur. Hier kann eine Mundschiene Abhilfe schaffen.

 

Für Sportler gibt es zudem leistungssteigernde Schienen. Das federt alles ab, somit kommt es zum Beispiel beim Kraftsport nicht zu Verspannungen im Kiefergelenk. Ein kompletter Mundschutz, wie etwa beim Boxen oder Eishockey, wirkt wie ein Stoßdämpfer. Dieses Rundumpaket ist im Fußball eher schwierig einsetzbar, fällt doch dem Dauerläufer auf dem grünen Rasen die Atmung damit schwer.

Die Kausalität von körperlichen Leiden durch Parodontose, also der bakteriellen Entzündung des umgebenden und stabilisierenden Gewebes und Knochens rund um den Zahn, ist nicht nur in Fachkreisen bekannt. So wurde im Körper von Patienten, die nach einem Herzinfarkt gestorben sind, Bakterien gefunden, die nur in der Mundhöhle entstehen. Diese Bakterien scheiden Giftstoffe aus, die der Körper mit Entzündungen bekämpft.  „Ein Herzinfarkt ist immer vielschichtig, aber diese Bakterien verschlechtern die körperliche Konstitution maßgeblich – das wurde lange nicht ernst genommen“, sagt Meisel.

Jetzt schicken Herzchirurgen ihre Patienten vor einem Eingriff noch mal zum Zahnmediziner. Ähnlich handhaben es Orthopäden vor Knie- oder Hüftoperationen. Das Thema Zahngesundheit ist Dauerbrenner und Dauerbrennpunkt zugleich: Regelmäßige Untersuchungen des IOC zeigen, dass sich bei Olympia bis zu 40 Prozent der Teilnehmer den- talmedizinisch behandeln lassen. Und eine Studie des „British Journal of Sports Medicine“ attestiert den Fußballprofis auf der Insel schlechte Zähne: So leiden knapp 40 Prozent unter Karies, der Zustand der Zähne sei im Schnitt schlechter als der anderer junger Männer in Großbritannien. Untersucht wurden 187 Kicker von acht Premier-League-Klubs sowie der 2. und 3. Liga.

Dass an diesem Ergebnis auch die kohlenhydratreiche Sportlerernährung mit viel Zucker ihren Anteil hat, ist für Zahnmediziner keine Frage. So fördern süße Getränke das falsche Mundmilieu.  Auch die Dehydrierung der Mundhöhle kann eine Rolle spielen, dann funktioniert die normale Spülwirkung des Speichels nicht mehr, Bakterien können sich länger an einer Stelle aufhalten. Dem wollte Trainer Martin Schmidt noch zu Wolfsburger Zeiten durch das Zähneputzen seiner Profis direkt nach der körperlichen Ertüchtigung Einhalt gebieten. Sportzahnarzt Hinze aber warnt: „Nach dem Konsum von säurehaltigen Sportgetränken sollte man nicht direkt Zähne putzen. Sonst würde es Zahnsubstanz abreiben. Die Säure löst den Zahn an, macht ihn weicher. Bitte eine Stunde Abstand lassen. Dann sind die Zähne durch den Speichel remineralisiert.“

Zahnhygiene

Dennoch ist es gerade für Sportler wichtig, zweimal am Tag Zähne zu putzen. Und die Zahnzwischenräume müssen regelmäßig mit Zahnseide bearbeitet werden, um Bakterienver- bund zu zerstören. Ergänzend wirkt eine Mundspülung. Eine regelmäßige Kontrolle für frühzeitiges Erkennen von Entzündungen, die den Organismus schwächen, gehört ebenfalls dazu, wie auch eine professionelle Zahnreinigung einmal im Jahr.  „Mundhygiene und Zahngesundheit sind wichtige Elemente – und sehr einfache, um insgesamt gesünder zu sein“, weiß Meisel.

„Bundesliga-Kicker, die ihre Zahngesundheit vernachlässigen, setzen ihre sportliche Leistungsfähigkeit aufs Spiel“, warnte schon 2006 der ehemalige Bundesliga-Schiedsrichter und Zahnarzt Dr. Markus Merk. Doch das Bewusstsein dafür ist in den Profiligen auch 13 Jahre später kaum angekommen. So zeigten sich nicht nur die Autoren der Studie aus England überrascht darüber, dass die Vereine kaum Zahnärzte beschäftigen, obwohl ja gerade im Profifußball auf jedes noch so kleine Detail Wert gelegt wird. Daher fordert Sportzahnmediziner Meisel: „Ich plädiere dafür, dass das Thema Zahn- und Mundgesundheit mit in den Medizincheck im Profisport aufgenommen wird.“  Übrigens: Auf das weiße Zahnpasta-Lächeln und damit den ästhetischen Faktor im Mund sind vor allem die Fußballprofis aus, sie lassen ihre  Zähne häufiger bleichen als andere Sportler. Bei Eishockeyspielern funktioniert das wiederum nicht. „Kronen kannst du nicht bleachen“, sagt Meisel.

JANA WISKE  kicker #72/2019 vom 02. September 2019

Geschrieben am: 02.10.2019
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